„Rettet die Wahrheit“ ist der anspruchsvolle und fordernde Titel einer sehr lesenswerten Streitschrift, die Claus Kleber, Anchormen des ZDF-heute-journals, herausgegeben hat. Das sollte auch die Devise für erfolgreiche Krisenkommunikation sein.

ZDF-Journalist Claus Kleber ©Klaus Weddig

Und natürlich ist es auch ein Plädoyer für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und die Notwendigkeit seiner entsprechenden finanziellen Ausstattung. (Nicht umsonst ist Kleber einer der Initiatoren und Unterzeichner eines offenen Briefes an die Österreichische Bundesregierung betreffend den ORF.) Aber vielmehr ist das Buch ein Aufruf, der Wahrheit in der Kommunikation den gebührenden Platz einzuräumen. Kleber schreibt: „Die Wahrheit zu suchen, mindestens das, was man nach bestem Wissen und Gewissen dafür halten darf, sie aufspüren, freilegen, … ist der schönste Beruf“ (S. 92). Und er zitiert seinen Kollegen Cordt Schnibben vom Spiegel: „[…] der Journalismus erfindet sich gerade neu“ (S. 92). Das Buch ist ein Gegenpol zur Tendenz, aus strategischen Gründen „alternative Fakten“, Halbwahrheiten, oder geglättete Botschaften in der Kommunikation einzusetzen; und es ist meines Erachtens auch eine Mahnung über den Kreis der JournalistInnen hinaus – für alle in der Kommunikation tätigen.

„Die Wahrheit wird bestraft, die Unwahrheit aber noch viel mehr.“

Auch in der Krisenkommunikation sind Tendenzen merkbar, die Wahrheit schön zu reden. Einer unserer Klienten sagte in der Vorbereitung auf einen Strafprozess: „Die Wahrheit wird bestraft, die Unwahrheit aber noch viel mehr.“ Und er entschied sich, vor Gericht die Wahrheit über seine Vergehen zu sagen. Und er merkte, dass dies Sympathien, Reputation und eine geringere Strafe mit sich brachte. Für alle KommunikatorInnen gilt: Rettet die Wahrheit! Gerade in Zeiten, in denen „Facebook & Co wollen, dass wir unseren gesellschaftlichen Diskurs ihren Rechnern überlassen. Das wäre bequem, ist aber keine Option“, schreibt Kleber. „Ihr Newsfeed Algorithm lockt die Nutzer immer tiefer in die Echokammern ihrer eigenen Vorstellungswelten, er dient den Spaltern“ (S. 87). Und weiter: „[…] Soziale Medien […] sind nur ein kleiner Teil des Tsunamis von Innovation, der gerade alle Aspekte unseres persönlichen und gesellschaftlichen Lebens durcheinander wirbelt. Wir haben den Umfang dieses Innovationsschubs noch gar nicht erfasst. Er springt über alle Grenzen, verändert Berufe, Lebensläuft, die meisten Bereiche der Wirtschaft …“ (S. 90).

Diese massiven Umbrüche haben selbstredend Auswirkungen auf alle Bereiche der Kommunikation. Jedem Menschen, der Zugang zu Sozialen Medien hat, ist es möglich, nicht nur Nachrichten zu kommunizieren, sondern selbst Nachrichten zu generieren. Erfundenen und unwahren Geschichten ist Tür und Tor geöffnet. Eine Überprüfung des Gelesenen ist für die Rezipienten fast nicht möglich. Hinzu kommt, dass sich, laut einer aktuellen Studie des MIT Fake-News schneller und nachhaltiger verbreiten, als echte. Sie untersuchten 126.000 falsche und zutreffende englischsprachige Nachrichten auf Twitter und kamen zu dem Ergebnis, dass sich Falschnachrichten nicht nur schneller verbreiten, sondern mit einer siebzigprozentigen Wahrscheinlichkeit eher geteilt und breiter gestreut werden. Keine Branche, kein gesellschaftlicher Bereich, kein Thema ist davor sicher.

All diese Tendenzen muss professionelle Krisenkommunikation im Auge behalten und beantworten. Wir sind überzeugt, dass gute Krisenkommunikation auch unter der Prämisse „Rettet die Wahrheit“ laufen sollte. Weil uns unsere Erfahrung lehrt, dass Wahrheit gewinnt und frei macht.

Unsere Empfehlung:
Claus Kleber,
Rettet die Wahrheit
Ullstein Verlag, 2017

 

Autor: Harald Schiffl, Geschäftsführer wikopreventk

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