Die deutsche Linguistin und Kognitionswissenschafterin Elisabeth Wehling leitet seit 2013 Forschungsprojekte zu politscher Ideologie, öffentlichen Diskursen und unbewusster Meinungsbildung an der University of California, Berkeley.

Mit Methoden der Neuro- und Verhaltensforschung sowie kognitionslinguistischer Diskursanalyse legt sie in zahlreichen Publikationen und Vorträgen dar, wie Sprachbilder unsere (politische) Meinung beeinflussen.

Die wichtigsten Erkenntnisse

  • Framing, also das Schaffen eines Deutungsraums, ist für erfolgreiche Kommunikation ausschlaggebend. Frames entstehen durch unsere Erfahrung mit der Welt und helfen uns, Fakten zu begreifen. Sprache aktiviert diese Frames in unseren Köpfen, und das wiederum prägt unsere Wahrnehmung politischer Sachverhalte.
  • Denken ist körperlich und Sprache verändert unser Gehirn. Nur die Wiederholung von Frames über längere Zeiträume und viele Themen hinweg macht sie Menschen zugänglich.
  • Wertebasierte Kommunikation übertrumpft faktische Argumentation. Programmdetails sind wichtig, generieren aber keine Unterstützung. Je abstrakter die Sprache, desto weniger „neuronale Sinnhaftigkeit“. Metaphern sind das wirkkräftigste Instrument, um Politik an alltägliche Erfahrungen anzubinden.

Vor einem knappen Monat haben die Briten für den Austritt aus der EU gestimmt. Der „Brexit“ kam für viele überraschend. Haben Sie mit dem Ergebnis gerechnet?
Wehling: Nein, solche Prognosen sind immer schwierig – insbesondere, da die Umfragen im Vorfeld verwirrend waren. Allerdings hatte ich einige Tage vor dem Referendum in einem Interview mit der Wiener Zeitung schon einmal darauf hingewiesen, dass David Cameron seine Kernbotschaften zum Thema nicht besonders gut transportiert bekam. Cameron ging kommunikativ unter, er hatte keine klare moralische Botschaft.

Haben die Gegner des „Brexits“ in der EU beim Framing ihrer Botschaften Fehler gemacht?

Ein Problem war, dass es keinen Frame, also keinen Deutungsrahmen dafür gab, was passiert, wenn Großbritannien die EU verlässt. Der „Brexit“ ist ja eine Metapher für „Exit“. Das kognitive Schema des „Heraustretens“, zum Beispiel aus einem Raum, impliziert ja gedanklich, dass weder ich mich bei dieser Handlung verändere, noch der Raum, den ich verlasse. Die Veränderung, die in Großbritannien nach dem „Leave“-Votum eintritt, wurde also ausgeblendet, die Tatsache nämlich, dass sowohl Großbritannien als auch die EU sich verändern werden, da sie systemisch verbunden sind, etwa in der Wirtschaft. Zudem ist Premier Cameron völlig faktisch geblieben, dabei hätte es gerade zu Beginn der Fußball-EM tolle Möglichkeiten gegeben, die Folgen des Austritts begreifbar zu machen. Etwa mit der Frage „Do you want to be part of the team – or the outsider?“

Was hingegen kommuniziert wurde, war der Slogan „UK – we are no quitters“, also: wir Briten geben nicht auf. Damit kommuniziert man, dass der Verbleib in der EU anstrengend ist – etwas, das man durchhalten muss.

Wenn man sich den Ausgang der Volksbefragung in Großbritannien und die Umfragewerte von US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump ansieht, könnte man meinen, dass Framing besonders gut bei konservativen Themen funktioniert. Ist das tatsächlich so?

Framing funktioniert für beide politischen Lager, Präsident Obama und auch Bernie Sanders machen das zum Teil fantastisch. Derzeit ist das konservative Lager darin allerdings besser, genauso wie die Populisten in Westeuropa. Der Mainstream muss in die Puschen kommen! Einige Dinge kann man schnell ändern – einige Beispiele dafür lege ich in meinem Buch Politisches Framing: Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht” dar. Das linkspolitische Lager muss Alternativen zu ihrer aktuellen Kommunikation ernst nehmen und strategisch umsetzen. Zum Beispiel gab es vor dem Referendum in Großbritannien eine Debatte, bei der die Brexit-Befürworter rund um Boris Johnson fast jede Frage mit dem Satz „let´s take back control!“ begonnen haben. „Die Kontrolle zurück gewinnen“ ist ein sehr gelungenes Framing der Situation gewesen und traf direkt ins Bauchgefühl vieler Briten. Die andere Seite hatte sich offensichtlich nicht abgestimmt und konnte ohne einen gemeinsamen Frame keine klare Botschaft kommunizieren. Hier herrschte eindeutig ein Mangel an Professionalität, was die strategische Kommunikation betraf.

Weitere Informationen zu Elisabeth Wehling, ihren Büchern und Beratungstätigkeiten finden Sie hier: http://www.elisabethwehling.com/