Wie verändert ein neues Einkaufszentrum das Stadtbild? Sehe ich das geplante Windrad von meinem Wohnzimmer aus?

Im Forschungsprojekt VisB+ untersuchen das Fraunhofer IAO in Stuttgart und die Universität Hohenheim, wie moderne Visualisierungstechnologien eingesetzt werden können, um BürgerInnen bei der Planung großer Bauvorhaben einzubinden. Im Gespräch zeigen Günther Wenzel (Fraunhofer IAO) und Prof. Dr. Frank Brettschneider (Universität Hohenheim) auf, was eine professionelle Visualisierung ausmacht und welche Fehler Projektbetreiber besser vermeiden sollten. Aufbauend auf den Forschungsarbeiten werden Standards für den Einsatz von Visualisierungstechniken bei Bürgerbeteiligungen formuliert.

Die wichtigsten Erkenntnisse

  • Projektwerber sollten nicht zu früh mit einer perfekten Visualisierung in einen Beteiligungsprozess gehen.
  • Von geschönten Visualisierungen raten die Experten dringend ab.
  • Visualisierungen sollen von Anfang an in Kommunikationskonzepten mitgedacht werden.

Sie sind derzeit mittendrin in den Forschungsarbeiten, was sind die ersten Erkenntnisse?
Günter Wenzel: Eines der ersten Ergebnisse ist, dass es die eine Mastervisualisierung für jede Zielgruppe und jede Projektphase nicht gibt. Es kann Sinn ergeben, verschiedene Techniken zu verbinden. Darüber hinaus muss man unterscheiden, ob man BürgerInnen oder NutzerInnen beteiligt. Liegen die Planungsdaten in geeigneter Form vor, können mit einem Mausklick verschiedene Varianten eines Bauvorhabens dargestellt werden und von Bürgern etwa in Planungswerkstätten virtuell begangen werden. In unserer Cave können wir beispielsweise Sachverhalte sehr gut vermitteln. Allerdings eignen sich andere Präsentationen für Diskussionen besser – zum Beispiel die Darstellung des 3-D-Modells auf einem 2-D-Bildschirm. Das ist mit einem Computerspiel vergleichbar.

Welche sind die größten Fehler, die Projektbetreiber bei Visualisierungen machen können?
Frank Brettschneider: Was nicht funktioniert, ist in ein Verfahren zu gehen und zu sagen „Alles ist offen“, dann aber eine fertige Visualisierung zu zeigen. Mit einer schicken Visualisierung in einer frühe Phase der Beteiligung zu arbeiten, ist ein Kardinalfehler. Außerdem rate ich von geschönten Visualisierungen dringend ab – am schlimmsten sind Perspektiven, die nicht der Realität entsprechen.

Was können Visualisierungen bei der Entwicklung eines Projektes leisten?
Frank Brettschneider: Aus meiner Sicht können Visualisierungen einen wichtigen Beitrag leisten, Diskussionen zu versachlichen. Heute sind Visualisierungen oft ein Kampf- oder Überredungsmittel. Visualisierungen dienen zu oft nur dazu, die Sichtweise der Projektwerber zu unterstützen. Selten werden sie genutzt, um Projekte zu entwickeln. Wir fragen: Wie können Visualisierungen glaubwürdiger werden und eine konstruktive Diskussion über Planungsalternativen ermöglichen? Unsere Empfehlung: Projektwerber sollten von Anfang an Visualisierungen im Kommunikationskonzept strategisch mitdenken.

Welche technischen Entwicklungen erwarten Sie für die Zukunft?
Günter Wenzel: Eine der Herausforderungen wird es sein, Visualisierungen an den Ort des Geschehens und auf die Straße zu bekommen. Das Stichwort heißt augmented reality. Man richtet beispielsweise das Handy auf eine Baustelle und das Modell des zukünftigen Gebäudes wird über das Stadtbild gelegt.

Hier gibt’s Detailinformationen zum Projekt: http://www.visbplus.de/index.html

 

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