Wikipedia zählt zu den zehn am häufigsten besuchten Internetseiten der Welt: Immer mehr Unternehmen legen daher Wert auf einen Wikipedia-Eintrag. Thomas Planinger ist seit Oktober 2016 gewählter Administrator der deutschen Wikipedia und arbeitete bereits als Wikipedian in Residence am Verfassungsgerichtshof und im Vorarlberger Landesarchiv.

Das sind die wichtigsten Erkenntnisse:
  • Wikipedia ist eine Enzyklopädie und kein allgemeines Branchenbuch. Daher gelten strenge Richtlinien für Unternehmen.
  • Fake News sind ein generelles Problem. Allerdings gilt bei Wikipedia eine sehr strenge Belegspflicht. Wikipedia ist somit von glaubwürdigen Quellen besonders abhängig.
  • Unternehmen, über die in Wikipedia Falschnachrichten verbreitet werden, sollen ihre Gegendarstellungen so schnell wie möglich in klassischen Medien berichtigen. So kann Wikipedia auf die geeigneten Sekundärquellen zurückgreifen.
Thomas Planinger im Interview (©Manfred Werner (Tsui) / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Wie schätzen Sie die Wichtigkeit eines Firmeneintrags in der Online-Enzyklopädie Wikipedia ein?

Thomas Planinger: Wikipedia ist die größte und bedeutendste Enzyklopädie unserer Zeit und täglich die primäre Informationsquelle für viele Internetnutzer. Wikipedia-Artikel werden bei Google-Suchen aufgrund ihrer Relevanz seit einigen Jahren auf den vordersten Plätzen gereiht. Außerdem bringen Leserinnen und Leser unseren Artikeln großes Vertrauen im Hinblick auf Objektivität und inhaltliche Korrektheit entgegen. Zudem versehen wir grundsätzlich alle Aussagen in Artikeln, wenn möglich, mit Quellenverweisen. Deshalb ist ein Wikipedia-Eintrag für viele Unternehmen äußerst attraktiv.

Viele Einträge, auch von großen Unternehmen, werden aufgrund strenger Relevanzkriterien von Wikipedia abgelehnt. Warum sind die Richtlinien so strikt formuliert?

Wikipedia basiert auf mehreren Grundprinzipien. Eines davon lautet: „Wikipedia ist eine Enzyklopädie“. Das heißt, dass Wikipedia kein allgemeines Personen- oder Branchenverzeichnis ist, sondern enzyklopädisch relevante Inhalte für die Leserinnen und Leser bereitstellen möchte. Aus diesem Grund sind die Relevanzkriterien für Wirtschaftsunternehmen besonders streng formuliert. Denn viele Werbetreibende versuchen, enzyklopädisch nicht relevante Unternehmen mit einem eigenständigen Artikel in der Wikipedia unterzubringen. Um einen eigenständigen Wikipedia-Artikel zu bekommen, muss ein Unternehmen zum Beispiel mindestens 1.000 Vollzeitarbeitnehmer oder einen Jahresumsatz von mehr als 100 Millionen Euro aufweisen können. Auch eine marktbeherrschende Stellung oder innovative Vorreiterrolle bei einer relevanten Produktgruppe oder Dienstleistung können einen Wikipedia-Eintrag rechtfertigen.

Was muss ein Unternehmen denn beachten, wenn es einen Eintrag erstellen möchte?

Neben den bereits angesprochenen Relevanzkriterien gibt es noch eine Reihe anderer Richtlinien zu beachten. Beispielsweise müssen kommerziell tätige Nutzer, die im Rahmen eines Auftrags oder Dienstverhältnisses einen Artikel bearbeiten, diese Auftragsarbeit auch öffentlich kenntlich machen: Wer also den Artikel über das eigene Unternehmen bearbeiten möchte, muss dies auf der Benutzerseite transparent offenlegen, damit andere Wikipedia-Benutzer die Beiträge entsprechend einordnen können. Zudem ist es wichtig, insbesondere auch für Unternehmen, ihre Tätigkeit neutral zu beschreiben.

Ist aktuell auch die DSGVO bei Einträgen ein Thema?

Grundsätzlich ist die DSGVO für uns weniger relevant. Denn was nicht bereits veröffentlicht wurde, darf auch nicht in einen Wikipedia-Eintrag aufgenommen werden.

Es gibt z. B. auch die Möglichkeit, einen Wikipedian in Residence zu engagieren. Was steckt dahinter?

Organisationen holen sich einen Wikipedianer ins Haus, damit er ihnen bei der Erstellung und Aufbereitung freier Inhalte hilft. Diese Idee kommt aus dem GLAM-Bereich und steht für „Galleries, Libraries, Archives and Museums“, deckt also insbesondere Institutionen des Kunst- und Wissenschaftsbereichs ab. Im Sommer 2016 habe ich als Wikipedian in Residence am Verfassungsgerichtshof den Bereich erstmals außerhalb dieses Felds der klassischen „Wissensinstitutionen“ erweitert. Ziel ist es, in den jeweiligen Organisationen Archivmaterial frei zugänglich und damit für Wikipedia nutzbar zu machen.

Gibt es diese Möglichkeit auch für klassische Unternehmen?

Klassische Wirtschaftsunternehmen haben im Gegensatz zu öffentlichen Wissensinstitutionen meist kein Interesse daran, von ihnen erstellte Daten oder anderes Material frei zugänglich zu machen. Unternehmen, die sich rund um das Thema informieren möchten, können beispielsweise die lokale Wikipedia-Ländervertretung kontaktieren oder sich über die Diskussionsseite eines Projekts direkt an Wikipedia wenden.

Jeder Internetnutzer kann mit wenigen Mausklicks Mitglied von Wikipedia werden und Artikel bearbeiten. Wie geht Wikipedia mit Fake News um?

Fake News sind ein Problem, das natürlich auch Wikipedia betrifft. In der Wikipedia gilt eine recht strenge Belegpflicht, das heißt, dass alle nicht-trivialen Aussagen eines Artikels durch eine Quelle belegt werden müssen. Auch dürfen Wikipedianer keine eigenen Erkenntnisse aus Primärquellen in Artikel einfließen lassen. Es wäre also zum Beispiel nicht zulässig, ein Foto einer stillgelegten Fabrik einzustellen und dieses Foto als Beleg dafür zu verwenden, dass die Fabrik stillgelegt ist – eine solche Aussage dürfte nur mit einem entsprechenden Zeitungsartikel als Beleg eingefügt werden. Darin zeigt sich auch die Gefahr von Fake News für Wikipedia: Wir sind auf die Vertrauenswürdigkeit von Quellen angewiesen. Wikipedia ist somit meistens nicht Quelle, sondern „nur“ Replikator von Fake News, was freilich schon schlimm genug ist.

Jedoch ist es schwer, falsche Informationen in Wikipedia einzubringen. Denn Änderungen dürfen nur mit geeigneten Sekundärquellen, wie z. B. Nachrichtenartikeln renommierter Tages- und Wochenzeitschriften, Jahresberichten von Unternehmen, wissenschaftlichen Werken und Berichten staatlicher Institutionen vorgenommen werden.

Was können Unternehmen tun, wenn innerhalb kurzer Zeit viele Falschnachrichten über sie verbreitet werden?

Unternehmen, über die in kurzer Zeit viele Falschnachrichten verbreitet werden, sollten sich bemühen, diese außerhalb der Wikipedia, also in klassischen Medien, richtig zu stellen. Dann können wir diese Gegendarstellung auch in den Wikipedia-Eintrag übernehmen. Denn in Wikipedia können wir nur jene Umstände aufnehmen, über die es geeignete Sekundärquellen gibt.

Das Interview führte Christina Kumpusch, Mitarbeiterin von wikopreventk.
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